
Dieser Millionär hat 90% seines Vermögens abgegeben
Alles begann in der Unternehmensberatung
Bevor Sebastian Klein selbst gründete, arbeitete er 15 Monate lang als Managementberater bei der Boston Consulting Group. Er habe sich von der eine Art „praktischen MBA“ nach dem Psychologiestudium erhofft. Die Unternehmensberatung bot ihm die Chance, in jungen Jahren direkt mit Vorstandsvorsitzenden zusammenzuarbeiten und große Projekte anzustoßen. So konnte er hautnah miterleben, wie Unternehmen geführt werden, welche Strategien zum Erfolg führen und welche Schattenseiten es in einem hart umkämpften und oftmals rücksichtslosen Markt gibt.
Nach 15 Monaten stellte Sebastian allerdings fest, dass das Arbeitsumfeld – geprägt von Wettbewerb, „Lügen und Manipulieren“ – nicht zu seinen Werten passte.
Aus diesem Gefühl heraus beschloss er schließlich, seinen Beraterjob zu kündigen und stattdessen selbst zu gründen – und möglichst schnell viel Geld zu verdienen.
Ohne Plan, aber hochmotiviert
„Ich hatte schon vor der Beratung herausgefunden, dass ich eigentlich kein guter Angestellter bin“, sagt Sebastian im Gespräch. Schon früh habe er den Wunsch verspürt, eigene Entscheidungen zu treffen und mit einem Team etwas aufzubauen. „Ich muss etwas machen, wo es nicht noch jemanden gibt, der mir sagt, was ich machen soll“, erklärt Sebastian. Die Chance auf schnellen Reichtum habe ihn zusätzlich gereizt.
Schon im Studium hatte er Erfahrung mit ersten kleinen Projekten gesammelt – von einer studentischen Unternehmensberatung über eine Partyreihe bis hin zu T-Shirt-Projekten. Voller Selbstvertrauen und hochmotiviert startete Sebastian gemeinsam mit einem Freund also sein erstes Gründerprojekt. Bevor Blinkist das Licht der Welt erblickte, ging es los mit kühlenden Halstüchern. Das mit Windelkristallen gefüllte Produkt sollte bei Sonneneinstrahlung die Haut kühlen.
Trotz guter Marge und unkomplizierter Herstellung scheiterte das Projekt. „Wir sind nicht im ersten Jahr zu Millionären geworden“, lacht Sebastian. Dazu habe ihnen vor allem das nötige Marketing-Know-how und Produktverständnis gefehlt. Bei Umsätzen von einigen tausend Euro wurde schnell deutlich, dass die Idee langfristig nicht funktionieren würde.
Die Gründung von Blinkist
Die Idee, Sachbücher über kompakte Zusammenfassungen besser zugänglich zu machen, hatte Sebastian bereits während seines Studiums gehabt. Zusammen mit drei weiteren Mitgründern entstand aus dieser Idee Blinkist. Das Geschäftsmodell vereinte Sebastians Erfahrungen aus der Beratung mit seinem Wunsch, ein Produkt zu entwickeln, hinter dem er auch persönlich stand.
Doch auch hier zeigte sich im Nachhinein die mangelnde Erfahrung der jungen Gründer: Blinkist wurde mit Hilfe von Venture Capital zu einem der bekanntesten Beispiele für erfolgreiche Start-ups im digitalen Bereich. Ein Finanzierungsmodell, für das Sebastian sich heute nicht noch einmal entscheiden würde. „Jetzt würde ich niemals so gründen, dass ein Exit vorgesehen ist, weil ich das gar nicht gut finde. Nicht für die Menschen, für das Unternehmen und für die Gesellschaft als Ganzes.“ Für ihn steht heute das Gemeinwohl und der nachhaltige Aufbau von Unternehmen vor der Maximierung des eigenen Shareholder-Values.
Ausstieg bei Blinkist: Wie läuft ein Exit ab?
Nach vier Jahren intensiver Arbeit bei Blinkist entschied sich Sebastian zum operativen Ausstieg, behielt aber seine Anteile am Unternehmen. In jeder weiteren Finanzierungsrunde bekam er dadurch die Möglichkeit, einige dieser Anteile zu verkaufen und tat das auch. Bis zum Exit 2023 als alle übrigen Anteile endgültig veräußert wurden.
Zusammen mit den Erträgen durch seine vorherigen Verkäufe erhielt Sebastian knapp sechs Millionen Euro durch seine Gründung. Eine große Summe, die im Vergleich zum dreistelligen Millionenbetrag, für die den Blinkist insgesamt übernommen wurde, dennoch klein wirkt. Nicht ungewöhnlich, wenn Investoren mit im Boot sind, erklärt Sebastian: „Man verwässert immer weiter“. Deshalb komme es oft vor, dass das Gründerteam beim Verkauf nur noch einen Bruchteil am Unternehmen halte.
Der Wille, Gutes zu bewirken
Für Sebastian stand schon vor dem Exit fest, dass er nicht all sein Geld behalten wollte. Statt weiterhin Wachstum und Profit als oberstes Ziel zu setzen, gründete er ein Unternehmen mit Verantwortungseigentum. Ohne Teile des Unternehmens an Investoren abgeben zu müssen, um den „spekulativen Charakter“ zu durchbrechen. Kurzfristige Gewinnmaximierung habe keine Priorität, ein Unternehmen in Verantwortungseigentum soll von den Menschen kontrolliert werden, die es langfristig tragen – nicht zum „Spielball der Finanzmärkte“ werden. Das Ziel sei es, langfristig stabile Strukturen zu schaffen, die den Bedürfnissen aller Beteiligten – Mitarbeiter, Kunden und der Gesellschaft – gerecht werden.
Aus diesem Gedanken heraus entstand das Magazin „Neue Narrative“, das Sebastian 2017 gründete. Er und sein Team informieren über neue Arbeitsweltmodelle und wollen Menschen befähigen, „eine bessere Wirtschaft zu gestalten“. Zusätzlich bieten sie Workshops und Tutorials zu diesen Themen an.
Und wohin ging der Rest des Geldes?
Einen Teil seines Vermögens steckte Sebastian in die Neugründung von „Neue Narrative“, eine größere Summe floss in Karma Capitals, einen sogenannten systemischen Investmentfonds. Das hybride Modell koppelt private Investitionen und gemeinnützige Zwecke. Ziel sei es, systemische Probleme gezielt mit Kapital zu lösen. Dazu kann man als Investor eine moderate Rendite erzielen, ab einer gewissen Schwelle fließen alle überschüssigen Gewinne aber in sozial- oder umweltpolitische Projekte. Der Fokus liegt laut Sebastian nicht auf maximaler Rendite, sondern auf der „Maximierung der Wirksamkeit“. Es gehe darum, dass Geld nachhaltig wirkt und Multiplikatoreffekte im Sinne des Gemeinwohls entstehen.
Das Modell soll sich selbst erhalten. Die Gewinne werden teilweise reinvestiert, um weitere Projekte zu finanzieren und den systemischen Impact stetig zu erhöhen.
Über „Tax Me Now“ und Marlene Engelhorn
Ein weiterer Baustein in Sebastians Engagement für ein faires Wirtschaftssystem ist die Kooperation im Projekt „Tax Me Now“. Sebastian und Gleichgesinnte, darunter auch die Millionenerbin Marlene Engelhorn, sehen es als ihre Verantwortung, ihre privilegierte Position zu nutzen, um auf eine Verringerung der Vermögensungleichheit zu drängen.
„Tax Me Now“ ist ein Zusammenschluss von wohlhabenden Unternehmern und Erben, die sich für eine faire und transparente Steuerpolitik starkmachen. Der Kern der Bewegung besteht darin, dass auch die Reichsten ihren Anteil leisten und dabei mitgestalten sollen, wie gesellschaftliche Gelder verteilt werden. Marlene Engelhorn hat in diesem Kontext ihr eigenes Vermögen weitgehend in die Gesellschaft eingebracht – durch ein Verfahren, bei dem ein Bürgerrat über die Verwendung ihres Erbes entschied.
Die politische Dimension von Reichtum
In seiner Antwort auf die Frage, ab welcher Grenze man extrem reich ist, bezieht sich Sebastian auf die Philosophin Ingrid Robeyns. Sie sehe eine kritische Schwelle, ab der eine Person zu viel Macht habe bei etwa 10 Millionen Euro. „Spätestens bei einer Milliarde Euro sprechen wir von Überreichtum bzw. einem ungesunden Reichtum“, sagt Sebastian. Das Problem sei aber nicht Wohlstand an sich, sondern die Konzentration extremen Reichtums in wenigen Händen, denn Überreiche könnten durch Lobbyismus, Medienbesitz und wirtschaftliche Macht überproportionalen Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen.
Sebastian nennt ein konkretes Beispiel: Sehr reiche Familien seien durch Lobbyismus schon seit Jahrzehnten sehr aktiv, um die Interessen der Superreichen durchzusetzen und sich z.B. gegen Erbschaftsteuerreformen stark zu machen. Solche Einflussnahme führe zu Politik, die Vermögende begünstigt – etwa durch niedrigere Steuern auf Vermögenseinkommen im Vergleich zu Arbeitseinkommen.
Die Folgen seien fatal, denn viele Menschen würden das Vertrauen in die Demokratie verlieren, wenn sie sehen, dass ihre Stimme weniger zählt als die von Milliardären. Das stärkt extreme Parteien und schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt, so Sebastian.
Erbschaftsteuer reformieren statt Vermögen verschenken
Sebastian fordert vor allem eine Reform der Erbschaftsteuer. „In Deutschland entsteht das meiste Vermögen durch Erbschaft“, erklärt er. Das aktuelle System biete zahlreiche Schlupflöcher für Superreiche. „Matthias Döpfner konnte eine Milliarde Euro Aktien steuerfrei geschenkt bekommen“, kritisiert Sebastian. Sein Vorschlag: hohe Freibeträge für weniger vermögende Menschen, aber eine progressive Besteuerung darüber hinaus. So wären „das Häuschen der Oma“ und kleinere Familienbetriebe befreit, während extreme Vermögenskonzentration verhindert werden könnte.
Gegenargumente unter der Lupe
Sebastian widerspricht dem Einwand, dass vererbtes Betriebsvermögen nicht versteuert werden sollte, weil es zu einem wirtschaftlichen Schaden für den Betrieb kommen könnte. Es müsse nicht unbedingt einen Effekt auf die Firma haben, wenn das vererbte Vermögen versteuert werde: „In kleineren Unternehmen ist das eventuell ein Fall, aber da, wo es in der Regel angeführt wird, ist es einfach nur ein Märchen, das den Leuten Angst machen soll.“
Auch die Warnung, Reiche würden bei höheren Steuern das Land verlassen, lässt er nicht gelten: „Die Forschung zeigt, dass dies gar nicht so oft der Fall und demnach nicht signifikant ist.“
Besonders ärgerlich findet Sebastian das Argument, Deutschland habe kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem. Man sollte den Staat trotzdem kritisch betrachten und auch schauen, wo er Gelder effizienter ausgeben könne. Aber das eigentliche Problem sieht Sebastian in dem Mangel an Geldern, die der Staat in die Zukunft investiert.
Mehr als nur Steuerreformen
Auch wenn Steuern in Sebastians Augen das wichtigste Instrument sind, könnten andere Maßnahmen seiner Einschätzung nach ebenfalls zur Stärkung der Demokratie beitragen. Zum Beispiel wären geeignete Modelle von Verantwortungseigentum oder Genossenschaften, bei denen wirtschaftliche Kontrolle demokratischer verteilt werden könnte, für ihn ein sinnvoller Gegensatz zum klassischen Shareholder-Kapitalismus.
Kommentare (3)
D
Daniel
sagt am 31. März 2025
Also wenn ich es richtig verstanden haben, dann hat er eben nicht 90% seines Vermögens abgegeben sondern den Großteil investiert: „ Einen Teil seines Vermögens steckte Sebastian in die Neugründung von „Neue Narrative“, eine größere Summe floss in Karma Capitals, einen sogenannten systemischen Investmentfonds. Das hybride Modell koppelt private Investitionen und gemeinnützige Zwecke. Ziel sei es, systemische Probleme gezielt mit Kapital zu lösen. Dazu kann man als Investor eine moderate Rendite erzielen, ab einer gewissen Schwelle fließen alle überschüssigen Gewinne aber in sozial- oder umweltpolitische Projekte.“ Kann ich auch sagen, dass ich 90% meines Vermögens abgebe, wenn ich das in ETFs investiert habe?
M
Mechthild Koch
sagt am 31. März 2025
Ich hab großen Respekt vor Sebastian Klein und danke ihm sehr für sein Statement! Mögen doch noch mehr Superreiche wie er und Marlene Engelhorn „Tax me now“proklamieren. Das würde die Demokratie stärken gegenüber den vielen Falschversprechern von CDU/CSU.
M
Martin
sagt am 28. März 2025
Ich habe den Artikel zwar nicht gelesen, finde die Bilder aber sehr schön
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